Biofilme kontrollieren, Mundgesundheit erhalten: Mechanisch & chemisch – oralen Erkrankungen zuvorkommen

Gepostet am 20/06/2018 von Dr. med. dent. Karl-Ludwig Ackermann

Dr. med. dent. Karl-Ludwig Ackermann: Biofilme kontrollieren: Mechanisch & chemisch – oralen Erkrankungen zuvorkommen

Dr. med. dent. Karl-Ludwig Ackermann, Zahnarzt, Fachzahnarzt für Oralchirurgie in Filderstadt.


Mit dem oralen Biofilm verhält es sich wie mit so vielem im Leben: Im richtigen Maß stellt er kein Problem dar, erst wenn er außer Kontrolle gerät, entfaltet er seine schädliche Wirkung. Dann kann aus dem harmlosen Begleiter im Mundraum schnell der Auslöser oraler Erkrankungen werden. Aus diesem Grund ist es erforderlich, dem Biofilm kein wildes Wachstum zu gestatten, sondern ihn in regelmäßigen Abständen „zurechtzustutzen". Ähnlich wie im heimischen Garten können auch zur Kontrolle der Mundflora mechanische und chemische Hilfsmittel zum Einsatz kommen – die Anforderungen an Effektivität und Sanftheit sind jedoch ungleich höher. Welche Hilfsmittel dabei im Hinblick auf die häusliche Mundpflege besonders zu empfehlen sind, zeigt der folgende Beitrag.

Die Wege von Mensch und Biofilm kreuzen sich schon sehr früh: Wenn sich der Säugling nach seiner Geburt zum ersten Mal mit einem Schrei bemerkbar macht, ist die Besiedelung seiner Mundhöhle mit Mikroorganismen bereits im Gange. Von diesem Zeitpunkt an gehören orale Biofilme zu den stetigen Begleitern eines jeden Menschen. Das ist auch nicht weiter dramatisch, da selbst ein gewisses Maß an pathogenen Keimen innerhalb des Biofilms ohne negative Auswirkungen auf Zähne und Zahnfleisch bleibt. Mit zunehmender Reifung des Biofilms jedoch verschiebt sich das Keimspektrum zugunsten dieser potenziell krankheitserregenden Mikroorganismen und somit zulasten der Mundgesundheit.

Aus diesem Grund gilt es, den Biofilm an einer unkontrollierten Reifung zu hindern und ihn stattdessen regelmäßig auf einem für die oralen Strukturen gesunden Entwicklungsstand zu stabilisieren. Bei dieser Aufgabe arbeiten Praxis und Patient im Idealfall Hand in Hand, denn neben dem professionellen spielt auch das häusliche Biofilm-Management im Kampf gegen biofilminduzierte orale Erkrankungen eine entscheidende Rolle. Nicht nur sind beide Formen der Oralprophylaxe notwendig, sie haben auch eine zentrale Gemeinsamkeit: Sowohl beim professionellen als auch beim häuslichen Biofilm-Management wird die mechanische Plaqueentfernung für gewöhnlich als die tragende Säule betrachtet. Doch auch die chemische Komponente – die im häuslichen Bereich wohl am häufigsten in Form von Zahncremes und Mundspüllösungen Eingang in die Mundpflege findet – leistet in Form einer Biofilmkontrolle einen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Mundgesundheit.

Stützpfeiler mechanische Biofilmentfernung

Ähnlich wie in der Praxis stehen auch dem Patienten zu Hause verschiedene Hilfsmittel zur mechanischen Entfernung von Biofilmen zur Verfügung. Doch während das Praxisteam aus dem Arsenal rund um Kürette, Scaler und Co. wählen kann, greift der Patient zu dem Mundhygiene-Klassiker schlechthin, der Zahnbürste. Hier stellt sich dem Patienten heute zunächst die grundsätzliche Frage: manuell oder elektrisch? Auf Basis wissenschaftlicher Untersuchungen lässt sich zu diesem Thema eine eindeutige und fundierte Empfehlung aussprechen. Denn die Überlegenheit elektrischer Zahnbürsten gegenüber Handzahnbürsten konnte bereits in einer Vielzahl von Studien nachgewiesen werden.

Erst kürzlich nahm sich die unabhängige Cochrane Collaboration dieser Fragestellung zum wiederholten Male an1: In einem Übersichtsartikel analysierten die Autoren insgesamt 51 Studien und trafen schlussendlich Aussagen zu mehreren verschiedenen Putzsystemen. Insbesondere die oszillierend-rotierende Technologie konnte hierbei überzeugen. Denn als einziges Putzsystem konnte das oszillierend-rotierende Plaque und Gingivitis sowohl kurz- als auch langfristig besser reduzieren und kontrollieren als Handzahnbürsten. Ähnliche Ergebnisse hatten auch schon vorangegangene Cochrane-Reviews geliefert2,3. Alle anderen im aktuellen Übersichtsartikel berücksichtigten Technologien waren in diesem Zusammenhang höchstens in Teilbereichen der untersuchten Aspekte erfolgreich. Die im Review als elektrische Zahnbürsten mit „Side-to-Side-Putzbewegungen" klassifizierten sogenannten Schallzahnbürsten vermochten gegenüber Handzahnbürsten kurz- oder langfristig keinen signifikanten Unterschied bei der Reduzierung von Plaque und Gingivitis aufzuzeigen.

Effektiv aber auch sicher?

Somit lässt sich nicht nur die Frage nach „manuell oder elektrisch" sondern zugleich auch jene nach dem überlegenen elektrischen Putzsystem auf wissenschaftlicher Basis beantworten. Zumal das oszillierend-rotierende Putzsystem nicht im Hinblick auf die Reinigungseffektivität, sondern auch in puncto Sicherheit überzeugt. Letzteres konnten van der Weijden4 und Kollegen in ihrem systematischen Review zeigen. Die Daten von insgesamt 35 Studien wurden berücksichtigt und das elektrische Zähneputzen mit oszillierend-rotierenden Zahnbürsten im Vergleich zu Handzahnbürsten unter vier Gesichtspunkten analysiert: gingivale Rezession, gingivale Abrasion und Putzdruck, unerwünschte Ereignisse sowie Laborstudien zu Dentin- und Schmelzverlust. Dabei fanden die Forscher keinerlei Hinweise darauf, dass die untersuchten Zahnbürsten das orale Hart- oder Weichgewebe beschädigen. Konkret legt das Review diesbezüglich nahe, dass elektrische Zahnbürsten mit oszillierend-rotierendem Putzsystem ebenso wenig schädlich für Zähne und Zahnfleisch sind wie Handzahnbürsten.

Die Chemie des Zähneputzens

Wie bereits erwähnt zählen Zahncremes zu den gängigsten chemischen Hilfsmitteln für die häusliche Mundpflege, wenngleich ihre chemische Wirkung längst nicht allen Patienten bekannt ist – das zeigt eine repräsentative forsa-Umfrage5 von Januar 2014. Laut dieser ist sich beinahe die Hälfte der Befragten nicht bewusst, dass Zahncremes Plaque-Bakterien chemisch bekämpfen. Verbreiteter scheint die Ansicht zu sein, nach der Zahncremes gewissermaßen als „Schmiermittel" lediglich die mechanische Entfernung von Biofilmen unterstützen.

Tatsächlich sind sie aber je nach enthaltener Wirkstoffkombination zu weit mehr imstande. Zu den bekannten Klassikern gehört hier sicherlich das Fluorid, welches zur Remineralisation des Zahnschmelzes beiträgt und somit eine essenzielle Kraft im Kampf gegen Karies darstellt. Darüber hinaus bieten neuartige Wirkkomplexe jedoch eine Vielzahl weitere Vorzüge. Dazu zählt etwa die Kombination von stabilisiertem Zinnfluorid und Natriumhexametaphosphat: Die bakteriostatische Wirkweise hemmt das Bakterienwachstum, Dentintubuli werden schnell verschlossen und Hypersensibilitäten so verringert, ein spezieller Schutzschild beugt auch Verfärbungen vor. Folglich ergänzen Zahncremes die mechanische Plaqueentfernung auf eine Weise, die über die Funktion als reines „Schmiermittel" hinausgeht.

Fazit für die Praxis

So wichtig das professionelle Biofilm-Management in der Praxis auch ist, um die bestmöglichen Chancen auf einen Erhalt bzw. eine Verbesserung der Mundgesundheit zu gewährleisten, muss es um effektive Maßnahmen im Zuge häuslicher Mundpflege ergänzt werden. Hierbei ist die mechanische Plaqueentfernung mit der Zahnbürste von essenzieller Bedeutung. Damit sie gründlich und zugleich schonend zu den oralen Strukturen ausfällt, lohnt sich die Empfehlung eines wissenschaftlich abgesicherten Putzsystems. Wie im vorangegangenen Text dargelegt, erweist sich die oszillierend-rotierende Technologie in diesem Zusammenhang auf Basis jüngster Erkenntnisse als Hilfsmittel der Wahl. Kommt sie zusammen mit modernen Zahncreme-Zusammensetzungen zum Einsatz, können für den Patienten noch weitere Vorteile nutzbar gemacht werden. Um der Pathogenität des Biofilms zuvorzukommen, ist es also ratsam in zweierlei Hinsicht zu verfahren: sowohl das professionelle mit dem häuslichen Biofilm-Management als auch die mechanische Plaqueentfernung mit der chemischen Plaquekontrolle.


1 Yaacob M, Worthington HV, Deacon SA, Deery C, Walmsley A, Robinson PG, Glenny A. Powered versus manual toothbrushing for oral health. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 6. Art. No.: CD002281. DOI: 10.1002/14651858.CD002281.pub3.
2 Robinson P, Deacon SA, Deery C, Heanue M, Walmsley AD, Worthington HV, Glenny AM, Shaw BC.Manual versus powered toothbrushing for oral health. Cochrane Database of Systematic Reviews 2005, Issue 2. Art.No.: CD002281. DOI: 10.1002/14651858.CD002281.pub2.
3 Deacon SA, Glenny A-M, Deery C, Robinson PG, Heanue M, Walmsley AD, Shaw WC. Different powered toothbrushes for plaque control and gingival health. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 12. Art. No.: CD004971. DOI: 10.1002/14651858.CD004971.pub2.
4 Van der Weijden FA, Campbell SL, Dörfer CE, Gonzalez-Cabezas C, Slot DE. Safety of oscillating-rotating powered brushes compared to manual toothbrushes: a systematic review. J Periodontol, 2011; 82(1), 5-24.
5 repräsentative forsa-Umfrage im Auftrag von Oral-B unter 1008 Bürgern ab 18 Jahren.